Das InTaKT Festival eröffnete mit »Leck mich am Arsch, amore mio!« im Schauspielhaus Graz. Ein humorvoller Abend mit poetischem Blick auf das Thema Liebe.
von Patrick Zündel
Das Caféhaus, ein Ort, wo Hochkultur auf Popkultur trifft, an dem Zufallsbekanntschaften sich zu Freundschaften verdichten und manchmal sogar zu Liebe. Ein Raum, in dem Geschichten entstehen, leise, laut, tragikomisch, und in dem Menschen sich begegnen. Dieses vielschichtige Setting bildet den Ausgangspunkt für das Tanzcafé Sekt und Sehnsucht, in dem sich in »Leck mich am Arsch, amore mio!« nicht nur die Welten verschiedener Figuren kreuzen, sondern auch die Extreme von Nähe, Intimität und Beziehung. Liebe und Sexualität sind hier keine abstrakten Schlagworte, sondern leben in den Charakteren fort: im geschäftigen Oberkellner, im kettenrauchenden Koch, in den liebevoll gezeichneten Gästen: von der Damenrunde über die selbsternannte Beziehungsexpertin bis hin zur renommierten Verhaltensforscherin.
Am 13. November 2025 feierte das von Regisseurin Anja M. Wohlfahrt inszenierte Stück im Schauraum des Schauspielhauses Graz Premiere, als Eröffnungsproduktion des 10. InTaKT Festivals und zugleich als Relaxed Performance. Letzteres bedeutet, das Publikum darf stehen, sitzen, sich bewegen, den Raum verlassen oder zurückkehren, spontane Reaktionen äußern – kurz: Theater erleben, ohne die normativen Erfahrungen eines klassischen Abends erfüllen zu müssen. Diese niederschwellige Form ist nicht bloß Konzept, sondern spiegelt das zentrale Thema der Produktion: gelebte Inklusion.
Neben dem Ensemble des Schauspielhauses stehen in »Leck mich am Arsch, amore mio!« auch Darstellerinnen der Theaterakademie Lebensgroß unter der Leitung von Lina Hölscher auf der Bühne. Ihre schauspielerischen Leistungen stehen jenen ihrer Kolleg:innen in nichts nach. Vielmehr entsteht ein harmonisches, energetisches Zusammenspiel, in dem Grenzen zum Verschwimmen gebracht werden. Niemand wird als Gast markiert; niemand als Ausnahme. Alle sind Teil eines Ensembles, das mit sichtbarer Freude und Präzision eine gemeinsame theatrale Realität schafft. Das wirkt erfrischend, authentisch und verleiht dem Abend zusätzlich Eindruck.
Anja M. Wohlfahrt entwickelt gemeinsam mit dem Ensemble, Expert:innen des Alltags und den Auszubildenden der Theaterakademie eine fein austarierte Komposition aus Körpern, Stimmen und Sehnsüchten. Liebe erscheint dabei als etwas Flüchtiges, beinahe Dampfwolkenhaftes, und zugleich tief eingeschrieben in unsere Körper. Das Stück stellt Fragen, die selten offen verhandelt werden: Sind Liebe und Sexualität Privilegien jener, die gesellschaftlich als makellos gelten? Oder gehören Begehren, Intimität und Körperlichkeit selbstverständlich allen Menschen, unabhängig von Normen und Zuschreibungen? Die klare Antwort der Inszenierung: Liebe ist kein exklusives Gut; Schönheit, Körperbilder und Begehren sind soziale Konstrukte und können ebenso hinterfragt wie erweitert werden.
Damit gelingt der Produktion nicht nur ein humorvoller und poetischer Blick auf das Thema Liebe, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Enttabuisierung von Sexualität und Beziehung im Kontext von Behinderung. »Leck mich am Arsch, amore mio!« bricht mit gängigen Vorstellungen, ohne zu belehren und berührt dabei auf eine unmittelbare, menschliche Weise.
Fazit: Ein Theaterabend, der im Gedächtnis bleibt; warmherzig, inklusiv, lebendig und zugleich gesellschaftlich relevant. Die Inszenierung zeigt, wie kraftvoll Theater sein kann, wenn es Barrieren nicht nur thematisiert, sondern konsequent abbaut. Weitere Vorstellungen finden in den kommenden Wochen statt. Die genauen Termine sind auf der Website vom Schauspielhaus Graz zu finden.
