Leck mich am Arsch, amore mio!

„Leck mich am Arsch, amore mio!“ ist ein Theaterstück, das mutig und lustig zugleich ist. Es zeigt, dass Liebe und Sexualität für alle Menschen wichtig sind, egal ob mit oder ohne Behinderung, jung oder alt.

von Nima Valinezhad, Pascal Striedner, Armin Gruber, Melanie Schaller

Das InTaKT Festival wurde mit dem Stück „Leck mich am Arsch, amore mio“ im Schauraum vom Schauspielhaus Graz eröffnet. Das Stück ist eine Zusammenarbeit vom Schauspielhaus Graz und der Theaterakademie LebensGroß. Das Besondere: Das Stück ist als „Relaxed Performance“ angekündigt. Das bedeutet, dass das Publikum die Möglichkeit hat, Pausen zu machen und nach Belieben nach draußen zu gehen. Doch von dieser Möglichkeit machte niemand Gebrauch, denn keiner wollte einen Moment dieser schnelllebigen und unterhaltsamen Aufführung verpassen.


„Leck mich am Arsch, amore mio“ wurde vom Ensemble gemeinsam entwickelt und schließlich unter der Regie von Anja M. Wohlfahrt auf die Bühne gebracht. Die Bühne, das ist eigentlich ein Kaffeehaus, das mit vielen liebevollen Details wie kleinen Stehlampen oder köstlich aussehenden Süßigkeiten ausgestattet ist (Bühnenbild: Kathrin Eingang). Durch den Abend führt der Herr Ober (Oliver Chomik), der aber immer sehr beschäftigt ist mit seiner Arbeit und diese Geschäftigkeit den Gästen auch regelmäßig mitteilt. Dabei passieren immer wieder lustige Malheurs: die Milch flockt, Schlagobers landet auf den Gästen, die Nudelsuppe schmeckt nicht. Die selbsternannte Sexpertin Dr. Gerti Senger (Roberta Nemes) meldet sich zu Wort, wann immer es nötig erscheint, und weiß alles Wichtige über Liebe und Sex. Ebenso erscheinen Helena Käfer als Autorin, Tobias Spiegel als exzentrischer Koch und eine Damenrunde, die gerne Prosecco trinkt. Eine wichtige Rolle im Stück übernimmt Foxy Fox (Sarah Sophia Meyer), die ein besonders einprägendes Lied performt. Der Refrain lautet: „Ciao Amore mio. Das war echt damals ganz gut mit dir im Kino. Wir haben San Pellegrino getrunken. Und haben uns ziemlich gut gefunden und dann kam das Bussi auf den Mund.“ Das Lied wirkt wie ein roter Faden und betont die Wohlfühl-Atmosphäre, die das Stück mit sich bringt.


In vielen skurrilen und humorvollen Szenen werden Tabu-Themen wie Sexualität im Alter oder Sexualität für Menschen mit Behinderungen besprochen. Das Zusammenwirken des gesamten Teams ist harmonisch und das Gesagte wirkt wie aus dem echten Leben gegriffen. „Leck mich am Arsch, amore mio“ ist gesellschaftskritisch, romantisch, satirisch, dramatisch, unterhaltsam und liebevoll zugleich. Vor allem vermittelt es eine Botschaft: Nämlich die, dass alle Menschen – ob Behinderung oder nicht – geliebt werden möchten. Denn das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung verbindet uns alle und macht uns als Menschen aus.

 

 

„Wir wollen gehört werden!“

Im Theaterstück „Aktion Mutante“ geht es um Mut, um Selbstbestimmung und darum, dass alle Menschen gleich behandelt werden sollen. Es ist ein starkes Stück, mit dem das InTaKT Festival am 16. November zu Ende ging.

von Melanie Schaller, Julian Lambauer

„Aktion Mutante“ ist ein inklusives Theaterstück von Angelina Schallerl und Tanja Peball. Das Stück wurde in Zusammenarbeit mit Schauspieler:innen der Chance B und dem Verein Clusi erarbeitet. Es geht um eine Gruppe von Menschen mit Behinderungen, die genug haben und Forderungen zur Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Veränderungen stellen.
Das InTaKT Festival zeigte das Stück im Kunst Klub Kräftner. Alle Plätze waren ausverkauft. Regisseurin Angelina Schallerl stand selbst auf der Bühne, um die Rolle des kurzfristig erkrankten Schauspielers Dominik Ertl zu übernehmen. In einer Hauptrolle war auch Christina Hofer, die selbst im Rollstuhl sitzt, zu sehen.

Das Stück ist sehr besonders und wichtig. Es zeigt, welche Schwierigkeiten Menschen mit Behinderungen oft haben. Es geht um Wünsche und Probleme im Alltag, aber auch um große Fragen des Lebens, wie das Gründen einer Familie. Das Stück wirkte wie eine Geiselnahme. So bekam das Publikum eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, wenn man als Mensch mit Behinderungen lebt.
Außerdem werden die Themen Empowerment und Forderungen nach gesellschaftlicher Veränderung angesprochen. Empowerment bedeutet: Ein Mensch wird stark gemacht oder macht sich selbst stark. Es werden auch Stellen von Gewalt dargestellt. Das Stück ist nicht nur lustig, sondern auch ernst. Es macht deutlich, dass Menschen mit Behinderungen oft keine Entscheidungen selbst treffen können und dass die Gesellschaft mehr für ihre Rechte tun muss. Man sieht im Stück, wie viel Kraft und Mut die Menschen brauchen, um ihr Leben selbst zu bestimmen.

Das Spiel von Christina Hofer, Angelina Schallerl, Christoph Pauger und Martin Höfler ist sehr lebendig. Manchmal gibt es überraschende Momente, die die Zuschauer:innen zum Nachdenken bringen. An einer Stelle geht es darum, dass zwei Menschen miteinander intim sein wollen. Was in unserer Gesellschaft oft übersehen wird: Auch Menschen mit Behinderung wünschen sich Liebe und Nähe. Sie haben das Recht, verliebt zu sein und eine Partnerschaft zu haben. Dass Menschen mit Behinderungen die gleichen Gefühle und Wünsche haben, wie alle anderen auch, vermittelt das Ensemble mit großer Spielfreude. Großer Applaus an alle Beteiligten!

 

 

„Ungalli“ – Das Geheimnis des Zauberbaums

Das Kinderbuch „Ungalli“ erzählt von Tieren, die in einer großen Dürre nach Essen suchen. Ein besonderer Baum hat viele Früchte, aber die hängen zu hoch. Mit einem geheimen Wort, das nur der Löwe kennt, können die Früchte geholt werden. Die Geschichte zeigt, wie wichtig Geduld, Ausdauer und Zusammenhalt sind.

von Pascal Striedner, Tobias Moser, Julian Lambauer

Beim InTaKT Festival gab es eine Lesung im Graz Museum. Lena Raumbaum und Marlies Hausch lasen aus dem Kinderbuch „Ungalli“ vor. Lena Raumbaum ist eine österreichische Autorin, die schon viele Bücher geschrieben hat. Marlies Hausch ist gehörlos und unterrichtet Gebärdensprache an Schulen.
Das Besondere an der Veranstaltung war das Format: Es wurde in Lautsprache und Gebärdensprache vorgelesen. Dadurch wurden die Bilder und Stimmungen des Buches auf einzigartige Weise spürbar. Die anwesenden Kinder und Erwachsene konnten erfahren, dass es unterschiedliche Formen des Erzählens gibt und dass alle Sprachen gleich viel wert sind.

Das Buch „Ungalli“ handelt von einer bunten Herde, voll mit verschiedenen Tieren. Es geht um einen Baum, eine Gazelle, einen Elefanten und eine Schildkröte. Es gibt eine große Dürre. Das heißt: Es regnet lange nicht. Alle Tiere wollen weggehen, weil sie nichts mehr zu essen finden. Nur der Löwe bleibt. Er sitzt unter einem großen Baum. Der Baum hat viele Früchte. Diese Früchte sind lecker und machen satt. Aber sie hängen sehr hoch oben am Baum. Keines der Tiere kann sie erreichen. Nur wenn man den Namen vom Baum sagt, kommen die Äste nach unten. Das besondere Wort kennt nur der Löwe. Das Wort ist: „Ungalli“.
„Ungalli“ erzählt davon, dass wahre Stärke oft in Geduld, Ausdauer und der Kraft der Wiederholung liegt. Die Geschichte zeigt, dass nicht immer Schnelligkeit oder körperliche Überlegenheit zum Ziel führen, sondern die ruhige Beständigkeit, mit der man Schritt für Schritt weiterkommt.

Lena Raubaum machte die Lesung durch ihre Mimik erlebbar und bezog alle Zuhörer:innen mit ein. Die Zusammenarbeit mit Marlies Hausch – die die Geschichte in Gebärdensprache erzählte – ergab eine Vorstellung, die wahrlich allen gefiel! Das Publikum jubelte auf drei Arten: in Zeitlupe, in Gebärdensprache und mit wilden Gesten. Die Gebärden für „Schildkröte“ und „Gazelle“ sowie noch weitere wurden gezeigt. So konnten alle mitmachen und gemeinsam etwas lernen, egal wie viel sie schon über Gebärden wissen.
Nach der Lesung konnten die Menschen im Publikum Fragen stellen. Sie konnten auch sagen, was ihnen gefallen hat oder was sie nicht gut fanden. Jede Meinung war willkommen.

 

„Lars ist LOL“ – Ein Film über Mut und Freundschaft

Lars hat das Down-Syndrom und die anderen Kinder in der Klasse machen sich über ihn lustig. Amanda, eine Klassen-Kollegin hat Angst, dass sie selbst nicht mehr „cool“ ist, wenn sie mit Lars befreundet ist. Doch bald merkt sie, wie wichtig Freundschaft und Zusammenhalt sind. Eine Geschichte über Mut, Mobbing und was es heißt, für andere einzustehen.

von Melanie Schaller

Der Film „Lars ist LOL“ stammt aus Norwegen und spielt auch dort. Gezeigt wurde der Film beim InTaKT Festival im Rechbauerkino in Graz. Der Film „Lars ist LOL“ erzählt von einem Mädchen namens Amanda. Sie soll auf ihren neuen Klassen-Kollegen Lars aufpassen. Lars hat das Down-Syndrom und ist genau so alt wie Amanda. Menschen mit Down-Syndrom haben ein zusätzliches Chromosom. Chromosomen sind kleine „Bausteine“ in unserem Körper, die bestimmen, wie wir aussehen und wie wir uns entwickeln.

Am Anfang findet Amanda ihre neue Aufgabe doof, weil sie Angst hat, dass ihre Freunde sie auslachen. In der Schule wird Lars oft von anderen Kindern geärgert und ausgelacht. Amanda fühlt sich hin- und hergerissen, weil sie einerseits mit Lars befreundet ist, sich aber auch von ihrer eigenen Gruppe unter Druck gesetzt fühlt. Im Film geht es dann darum, wie die Kinder miteinander auskommen können. Es geht darum, dass Lars gemobbt wird. Das Mobbing passiert im Alltag mit den anderen Schülern, aber auch im Internet. Der Film zeigt gut, wie schlimm Mobbing ist und wie schwer es ist, sich richtig zu verhalten. Amanda erlebt, wie weh das Mobbing tut, nicht nur für Lars, sondern auch für sich selbst.

„Lars ist LOL“ ist ein wichtiger Film für Kinder und Jugendliche. Der Film ist spannend und zeigt, dass Menschen mit Behinderungen nicht ausgeschlossen werden sollen. Der Film hilft, besser zu verstehen, wie es Kindern mit Down-Syndrom in der Schule geht. Der Film hat einfache und klare Szenen. Er macht Mut, ehrlich zu sein und für seine Freunde einzustehen.

Singen mit Vesna Petković – ein Statement für gelebte Inklusion

Beim InTaKT Festival verwandelte sich der Salon Stolz am 15. November in eine offene Chorbühne. Menschen aller Hintergründe fanden sich unter der Leitung von Vesna Petković zum gemeinsamen Singen ein. Alter, Herkunft, musikalische Vorerfahrung oder Beeinträchtigungen spielten keinerlei Rolle. Entscheidend war alleine die Freude am Mitmachen.

von Patrick Zündel

Dass Musik eine besondere Kraft besitzt, Verbindungen zu stiften, lässt sich nicht besser formulieren als mit den oft zitierten Worten aus Joanne K. Rowlings Harry Potter-Reihe: „Musik, ein Zauber, der alles in den Schatten stellt, was wir hier so treiben.“ Diese Worte legte Rowling ihrem weisen, umsichtigen und geduldigen Schulleiter Professor Dumbledore in den Mund. Genau dieser Zauber war im inklusiven Sing-Workshop mit Vesna Petković spürbar. Musik überwand Grenzen, die im Alltag oft trennen. Zwischen geübten Stimmen und Anfänger:innen, zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung, zwischen Zurückhaltung und Mut.

Es war bereits der zweite Sing-Workshop im Rahmen des InTaKT Festivals, den Vesna Petković anleitet. Geboren wurde diese Idee aus der langjährigen Kooperation mit dem an der KUG Graz stattfindenden niederschwelligen Community Music-Format Meet4Music, dessen Facilitator-Team Petković seit 2020 angehört. Sie ist es gewohnt, Menschen zum Singen zu bewegen, die sonst selten dazu kommen. Ihre Arbeit reicht von Community-Workshops über Chorleitung bis hin zum Gesangsunterricht an der Theaterakademie Lebensgroß. Dort wie hier gelingt ihr mit natürlicher Leichtigkeit, was für viele schwierig klingt: Hemmungen abzubauen und Freude an der eigenen Stimme zu wecken. Darüber hinaus unterrichtet Vesna Petković seit mehr als zehn Jahren Jazz-Gesang an der Kunstuniversität Belgrad und ist selbst in verschiedenen Formationen als Jazzsängerin aktiv.

Die Teilnehmenden folgten Petkovićs warmherzigen Anleitungen zu Atem- und Stimmübungen, entwickelten gemeinsam musikalische Motive und arbeiteten schließlich auf eine gemeinsame Performance hin. Dabei stand weniger das perfekte Ergebnis als vielmehr der gemeinsame Prozess im Vordergrund, ein Grundgedanke von Community Music, den der Workshop eindrucksvoll verkörperte. Schon nach kurzer Zeit war die Energie im Raum greifbar. Singfreude, Neugier und der Mut, die eigene Stimme auszuprobieren, verbanden Menschen, die sich zuvor nie begegnet waren. Hier bewahrheitete sich der Eingangs zitierte Gedanke: Musik ist ein verbindendes Element. Sie schafft Gemeinschaft, wo zuvor Fremdheit war und macht sichtbar, wie inklusiv Kunst sein kann, wenn sie es will.

Fazit: Der Sing-Workshop mit Vesna Petković zeigte eindrucksvoll, wie niederschwellige musikalische Formate Menschen zusammenführen können. Der Workshop war nicht nur ein musikalisches Erlebnis, sondern auch ein starkes Statement für gelebte Inklusion. Was bleibt, ist ein Gefühl von Gemeinsamkeit und ein Funken jener Magie, die Musik möglich macht.

 

»Leck mich am Arsch, amore mio!« – ein Stück über Liebe, Körper und gelebte Inklusion

Das InTaKT Festival eröffnete mit »Leck mich am Arsch, amore mio!« im Schauspielhaus Graz. Ein humorvoller Abend mit poetischem Blick auf das Thema Liebe.

von Patrick Zündel

Das Caféhaus, ein Ort, wo Hochkultur auf Popkultur trifft, an dem Zufallsbekanntschaften sich zu Freundschaften verdichten und manchmal sogar zu Liebe. Ein Raum, in dem Geschichten entstehen, leise, laut, tragikomisch, und in dem Menschen sich begegnen. Dieses vielschichtige Setting bildet den Ausgangspunkt für das Tanzcafé Sekt und Sehnsucht, in dem sich in »Leck mich am Arsch, amore mio!« nicht nur die Welten verschiedener Figuren kreuzen, sondern auch die Extreme von Nähe, Intimität und Beziehung. Liebe und Sexualität sind hier keine abstrakten Schlagworte, sondern leben in den Charakteren fort: im geschäftigen Oberkellner, im kettenrauchenden Koch, in den liebevoll gezeichneten Gästen: von der Damenrunde über die selbsternannte Beziehungsexpertin bis hin zur renommierten Verhaltensforscherin.

Am 13. November 2025 feierte das von Regisseurin Anja M. Wohlfahrt inszenierte Stück im Schauraum des Schauspielhauses Graz Premiere, als Eröffnungsproduktion des 10. InTaKT Festivals und zugleich als Relaxed Performance. Letzteres bedeutet, das Publikum darf stehen, sitzen, sich bewegen, den Raum verlassen oder zurückkehren, spontane Reaktionen äußern – kurz: Theater erleben, ohne die normativen Erfahrungen eines klassischen Abends erfüllen zu müssen. Diese niederschwellige Form ist nicht bloß Konzept, sondern spiegelt das zentrale Thema der Produktion: gelebte Inklusion.

Neben dem Ensemble des Schauspielhauses stehen in »Leck mich am Arsch, amore mio!« auch Darstellerinnen der Theaterakademie Lebensgroß unter der Leitung von Lina Hölscher auf der Bühne. Ihre schauspielerischen Leistungen stehen jenen ihrer Kolleg:innen in nichts nach. Vielmehr entsteht ein harmonisches, energetisches Zusammenspiel, in dem Grenzen zum Verschwimmen gebracht werden. Niemand wird als Gast markiert; niemand als Ausnahme. Alle sind Teil eines Ensembles, das mit sichtbarer Freude und Präzision eine gemeinsame theatrale Realität schafft. Das wirkt erfrischend, authentisch und verleiht dem Abend zusätzlich Eindruck.

Anja M. Wohlfahrt entwickelt gemeinsam mit dem Ensemble, Expert:innen des Alltags und den Auszubildenden der Theaterakademie eine fein austarierte Komposition aus Körpern, Stimmen und Sehnsüchten. Liebe erscheint dabei als etwas Flüchtiges, beinahe Dampfwolkenhaftes, und zugleich tief eingeschrieben in unsere Körper. Das Stück stellt Fragen, die selten offen verhandelt werden: Sind Liebe und Sexualität Privilegien jener, die gesellschaftlich als makellos gelten? Oder gehören Begehren, Intimität und Körperlichkeit selbstverständlich allen Menschen, unabhängig von Normen und Zuschreibungen? Die klare Antwort der Inszenierung: Liebe ist kein exklusives Gut; Schönheit, Körperbilder und Begehren sind soziale Konstrukte und können ebenso hinterfragt wie erweitert werden.

Damit gelingt der Produktion nicht nur ein humorvoller und poetischer Blick auf das Thema Liebe, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Enttabuisierung von Sexualität und Beziehung im Kontext von Behinderung. »Leck mich am Arsch, amore mio!« bricht mit gängigen Vorstellungen, ohne zu belehren und berührt dabei auf eine unmittelbare, menschliche Weise.

Fazit: Ein Theaterabend, der im Gedächtnis bleibt; warmherzig, inklusiv, lebendig und zugleich gesellschaftlich relevant. Die Inszenierung zeigt, wie kraftvoll Theater sein kann, wenn es Barrieren nicht nur thematisiert, sondern konsequent abbaut. Weitere Vorstellungen finden in den kommenden Wochen statt. Die genauen Termine sind auf der Website vom Schauspielhaus Graz zu finden.

Mutig, echt und anders: Edwin Ramirez erzählt vom Leben mit Humor und Herz

Edwin Ramirez steht im Zeichen des steirischen herbst auf der Bühne und spricht über Familie, Liebe und das Anderssein. Zwischen Lachen und Nachdenken erfährt das Publikum, wie wichtig Offenheit, Respekt und Selbstliebe sind.

von Julian Lambauer, in Einfacher Sprache

Das Kabarett von Ramirez ist ein besonderes Stück. Ramirez sitzt im Rollstuhl und beschreibt sich als queer. Das bedeutet: Die Person fühlt sich nicht nur als Mann oder als Frau. Die Stimmung ist locker und freundlich, damit sich alle wohlfühlen können. Im Mittelpunkt steht die Suche nach einem „Daddy“. Damit ist nicht der echte Vater gemeint, sondern eine Person, die nett, ehrlich, humorvoll und zuverlässig ist. Das Publikum erfährt viele Geschichten aus dem eigenen Leben und bekommt 5 verschiedene „Daddys“ vorgestellt. Diese können Verwandte, bekannte Menschen oder sogar Zuschauer sein. Jeder kann ein „Daddy“ sein, wenn man freundlich, offen und respektvoll ist.

Als Kind musste Ramirez oft zur Physiotherapie, weil die Familie hoffte, dass das Gehen eines Tages möglich wird. Das Publikum erfährt auch, wie es ist, mit einer Behinderung und Migration in einem anderen Land zu leben. Außerdem geht es um das Thema Queerness, also darum, anders zu sein als viele andere. Das Stück ist abwechslungsreich. Manchmal lustig, manchmal traurig und nachdenklich. Man erfährt auch wie es ist, wenn man zu viele Space-Cakes gegessen hat. Es gibt aber auch ernste Themen wie Krankheit, Tod und Streit in der Familie. Besonders bewegend ist die Geschichte über den verstorbenen Vater von Ramirez. Sie zeigt, wie schwer es ist, sich zu verabschieden und Abschied zu akzeptieren.

Trotz der ernsten Themen bleibt das Stück hoffnungsvoll. Offen und ehrlich werden Gefühle gezeigt und Menschen ermutigt, zu sich selbst zu stehen. Auch wenn es Streit gibt, gibt es immer wieder Verständnis, Liebe und Unterstützung. Besonders schön ist die Geschichte mit dem Großvater, der Ramirez so akzeptiert, wie die Person ist. Diese Anerkennung macht stolz und glücklich. Jeder Mensch hat eigene Stärken und soll lernen, sich selbst zu schätzen. Gemeinschaft, Offenheit und Respekt stehen im Mittelpunkt. Das Kabarett ist ein ehrliches und mutiges Stück über das Leben, die Familie und das Anderssein. Es zeigt, dass alle Menschen wichtig sind, egal, wie sie aussehen, leben oder fühlen.

Run Daddy Run – auf der Suche nach Vaterfiguren

Edwin Ramirez nutzt die Kabarettbühne, um nach einem neuen „Daddy“ Ausschau zu halten. Ein außergewöhnlicher Abend im Rahmen des steirischen herbst in Kooperation mit dem InTaKT Festival.

von Patrick Zündel

Anhand von fünf Beispielen – von Werner Herzog bis zum Arzt-Daddy – fragt Ramirez, wer denn nun perfekt als „Daddy“ sei. Dabei geht es Ramirez nicht zwangsläufig um einen Vaterersatz, vielmehr ist ein Mensch gemeint, der bedingungslos liebt und das Gegenüber so akzeptiert, wie es ist. Ramirez selbst beschreibt sich als queer und sitzt im Rollstuhl. Im Zentrum des Kabaretts, das am 10. und 11. Oktober im Forum Stadtpark stattfand, stehen Themen wie Identität, Zugehörigkeit und queeres Begehren jenseits normativer Körperbilder und Lebensentwürfe.

Die Performance berührt. So thematisiert Ramirez, geboren 1990, auch die Herausforderungen, denen Menschen mit Beeinträchtigungen begegnen, sowie persönliche Erfahrungen während der Covid-Lockdowns. In Erinnerung bleibt die Episode, in der Ramirez mit ein paar Freunden Space Cakes konsumiert und sich im Anschluss im Krankenhaus wiederfindet mit der Frage: „Ist es jetzt Corona oder bin ich einfach nur super-high?“. Auch Einblicke in das Liebes- und Sexualleben sowie auf die familiären Wurzeln gewährt Ramirez – wobei geschickt eine Brücke zwischen sehr persönlichen Geschichten und universellen Fragen, die sich wohl jeder Mensch irgendwann stellt, geschlagen wird. Unklar bleibt, was autobiografisch ist und was fiktional. Letztlich ist das jedoch zweitrangig; im Kabarett steht Unterhaltung ebenso im Vordergrund wie gesellschaftliche Reflexion.

Allgemein betrachtet ist es nicht die primäre Aufgabe des Genres Kabarett, das Publikum ständig zum Lachen bringen zu müssen. Kabarett ist nicht gleich ein Abfeuern von Pointen. Vielmehr ist es durchaus auch eine Kritik an der Gesellschaft und zugleich auch etwas, das zum Grübeln anregt und das geneigte Publikum letztlich sowohl mit einem lachenden Auge als auch mit einem nachdenklichen Blick auf die Welt, die während des Abends offengelegt wurde, entlässt.

So ist auch „Run Daddy Run“ kein klassisches Lachen-muss-Kabarett. Edwin Ramirez schafft es, die Balance zu halten zwischen Witz und gesellschaftlicher Kritik. Dabei ist es unerheblich, ob jede Pointe sitzt. Entscheidend ist die Wirkung der Performance und die Reflexion, die sie beim Publikum auslöst. Wichtig und prägnant ist dabei auch die Umsetzung: Ramirez arbeitet mit Powerpoint-Präsentationen und baut geschickt Audiodeskription in die Show ein, um das Programm auch Menschen mit Beeinträchtigungen näher bringen zu können.

Das Finale des Programms wartet schlussendlich mit einem Aha-Effekt für das Publikum auf, über den an dieser Stelle jedoch nichts weiter verraten werden soll. Wer das miterleben möchte, muss sich die Show schon selbst zu Gemüte führen. Edwin Ramirez beweist mit „Run Daddy Run“, dass Kabarett wesentlich mehr ist als Pointen und Lacher: Es ist Kunst, Reflexion und Unterhaltung in einem. Genau das macht diesen Abend zu einem besonderen Erlebnis.