Leichter Gesang – ein Hauch von Orwell auf der Bühne

Am 26. Mai 2026 eröffnete „Leichter Gesang“ als Kooperation des Deutschen Theaters mit dem inklusiven Theater RambaZamba unter der Regie von FX Mayr das diesjährige Dramatiker:innen-Festival im Grazer Orpheum. Eine Herausforderung.

von Patrick Zündel

George Orwell muss man nicht gelesen haben, um zumindest eine vage Vorstellung davon zu besitzen, was mit seinem berühmten Neusprech gemeint ist: eine Sprache, reduziert, vereinfacht, kontrolliert und gerade dadurch seltsam verstörend. Ganz so weit geht Nele Stuhlers Theatertext „Leichter Gesang“ zwar nicht, doch gewisse Parallelen drängen sich beim Zuschauen unweigerlich auf, denn auch hier wird Sprache zerlegt, vereinfacht, neu zusammengesetzt und bis an die Grenze ihrer eigentlichen Funktion gedehnt.

Schon die ersten Sätze geben die Richtung vor: „Ich verstehe Bus.“ „Ich verstehe U-Bahn.“ „Ich verstehe Bus-Bahnhof.“ Was zunächst wie eine skurrile Fingerübung in reduzierter Sprache wirkt, entwickelt sich rasch zum Grundprinzip des gesamten Abends. Verstehen und missverstehen werden zum eigentlichen Inhalt der Produktion – oder zumindest zu dem, was man als solchen identifizieren könnte, denn genau darin liegt die Herausforderung dieses Theaterabends. Eine klassische Handlung sucht man vergeblich. Figuren tauchen auf, sprechen, wiederholen, variieren Satzfragmente, ohne dass daraus zwingend eine erkennbare narrative Struktur entsteht. Tatsächlich scheint gerade das produktive Missverständnis erklärtes Ziel der Inszenierung zu sein, doch zwischen Konzept und Publikum klafft dabei mitunter ein tiefer Graben.

Stuhler arbeitet mit Prinzipien der so genannten „Leichten Sprache“, übernimmt diese jedoch nicht konsequent, sondern verwendet sie vielmehr als ästhetisches Werkzeug, wodurch eine eigentümliche Kunstsprache entsteht, die zugleich simpel und überkomplex wirkt – als würde man versuchen, aus Legosteinen ein philosophisches Manifest zu bauen. Das besitzt stellenweise Witz, gelegentlich sogar poetischen Reiz, verliert sich jedoch über weite Strecken in sprachlicher Selbstbeschäftigung. Regisseur FX Mayr bringt diese Sprachflächen mit sichtbarer Präzision auf die Bühne und das Ensemble bewältigt die rhythmischen Wortketten mit bemerkenswerter Disziplin. Dennoch bleibt nach rund einer Stunde weniger Erkenntnis als vielmehr Erschöpfung zurück. Der Abend fordert Konzentration, Geduld und eine hohe Bereitschaft, sich auf Sprachspiele einzulassen, die sich oftmals jeder konkreten Bedeutung entziehen. Dabei entsteht durchaus ein interessanter Gedanke: Was passiert, wenn Sprache nicht mehr erklärt, sondern selbst zum Hindernis der Verständigung wird? „Leichter Gesang“ stellt diese Frage konsequent – allerdings auch so ausdauernd, dass sich irgendwann der Verdacht einschleicht, das Stück könne selbst nicht mehr genau wissen, worauf es eigentlich hinaus will.

Der österreichische Liedermacher Ludwig Hirsch sang einst davon, „mit Wörtern so herum zu jonglieren, bis sie den Verstand verlieren“. Treffender lässt sich dieser Abend kaum beschreiben. Man beobachtet fasziniert, irritiert und mitunter ratlos, wie Worte zerlegt und neu zusammengesetzt werden, bis sie jede Verbindlichkeit verloren haben. Das ist mutig, experimentell und zweifellos eigenständig – aber nicht automatisch auch zugänglich und erkenntnisreich.

Fazit: „Leichter Gesang“ ist ein Theaterabend, der sein Publikum bewusst herausfordert und vermutlich genau daran gemessen werden möchte. Wer Freude an Sprachde(kon)struktion, performativer Verwirrung und konzeptionellem Theater hat, dürfte hier fündig werden. Wer hingegen auf erzählerische Orientierung oder emotionale Anknüpfungspunkte hofft, könnte sich über weite Strecken fühlen wie nach einem besonders langen Gespräch, bei dem alle gesprochen haben, aber niemand wirklich etwas gesagt hat. Feststeht: das Vorprogramm und die Eröffnungsreden des Festivals waren deutlich leichter verdaulich – und vermutlich unfreiwillig verständlicher.